Lexikon Reichelsheim (Odenwald)

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  Tongrube Vierstöck

Die Tongrube „Vierstöck“ liegt im Beerfurther Gemeindewaldsdistrikt „Saubuche“ auf einer Höhe von 380 bis 400 m an der Verwerfungsspalte zwischen Buntsandstein und Granit. In der Umgebung wurde bis 1900 Manganeisenerz abgebaut. Außerdem lagert bei der Grube Vierstöck roter Engobe-Ton (Engobe = Gussmasse zum Überziehen keramischer Erzeugnisse). Er färbt intensiv rot und ergibt für alle aus Ton hergestellten Töpfe, Vasen und Dachziegel einen dichten, glasartigen Überzug. Der Ton kommt sehr selten vor und ist daher von Fachleuten sehr begehrt. Er ist rein, ohne Schmutzeinlagerungen, hat einen Tonerdegehalt von 23 %, einen Eisenoxydgehalt von 9,5 % und einen Titanoxydgehalt von 1 % und sintert zwischen 1.000 und 1.050 Grad Celsius, wird glasflüssig. Die Tonverarbeitungsbetriebe benötigten damals dieses Material zusätzlich zur Einfärbung ihrer Artikel und zum engobieren (brennen).

Als der Manganerzabbau zum Erliegen gekommen war, erinnerte man sich an den auf den Vierstöck lagernden Ton. Bereits davor hatte das Forstamt (Bad) König bei der Besitzergemeinde Pfaffen-Beerfurth nach entsprechenden Abbaurechten angefragt. Doch erst am 24.11.1905 kam ein im Sinne Beerfurths gestalteter Vertrag mit der Firma Funk und Sommer zustande. Die Genehmigung zum Tonabbau war verknüpft mit der Errichtung eines Verarbeitungsbetriebs in Beerfurth. Dieser erhielt einen 38 m hohen Schornstein und wurde am 31. März 1906 in das Handelsregister als Firma „Tonwerk Pfaffen-Beerfurth“ eingetragen. Die Geschäftszweige waren Dachdeckungsmaterial und Tonwaren.

Tonwerk k
Ton- und Klinkerwerk in Pfaffen-Beerfurth,
Aufnahmedatum unbekannt
Foto: RRO-FAR-3-03-019 PB

Der abgebaute Ton wurde mit Pferdefuhrwerken zur Fabrik ins Tal befördert. Damals trug man sich auch mit dem Plan, eine Drahtseilbahn von der Grube zum Werk zu errichten. Die Ausführung dieses Planes wurde jedoch nicht realisiert. Bei der Abfassung des Vertrags zwischen der Gemeinde und der Firma Funk und Sommer verpflichtete sich der Betrieb, sobald in der Gemeinde eine Kirche gebaut werden sollte, sämtliche zum Bau erforderlichen Backsteine und das Dachdeckmaterial kostenlos zu liefern. Dieser Zusatz zum Vertrag hatte eine Gültigkeit von 25 Jahren. Weiterhin verpflichtete sich die Firma, gegen Erstattung der Unkosten, jährlich 5 Waggons Ton an die Großherzogliche Kunsttöpferei in Darmstadt unentgeltlich abzugeben. Die Menge des Tones im Abbaugebiet wurde auf 750.000 Kubikmeter geschätzt.

Zunächst lief der Tonwerksbetrieb auch gut an. Wegen Mangel an Kapital erlebte er aber im Laufe der Zeit immer wieder wechselnde Besitzer. In dem später als „Ton- und Klinkerwerk“ firmierenden Betrieb stellte der Besitzer vorwiegend Ringofen- und Klinkersteine her. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde die Grube geschlossen. Der Abbau von Ton lief nach 1945 zunächst zögernd an. Nach der Währungsreform änderte sich die Situation schlagartig. Von überall her liefen die Anfragen nach Ton bei der Gemeinde ein. Nur die deutschen Ostgebiete waren davon ausgeschlossen. Wurde der Ton zunächst von Hand abgebaut und mit Kipploren auf Schienen zur Verladerampe befördert, setzten spätere Besitzer nach und nach Maschinen ein bei einer Förderleistung von 6.000 bis 8.000 Tonnen jährlich. Abnehmer von Rohton war auch die Firma Jäger in Höhr-Grenzhausen im Kannebäckerland, die mit der Gemeinde Pfaffen-Beerfurth einen Alleinvertrag geschlossen hatte. Zum Abtransport des Tons beabichtigte man, am Ortsrand von Kirch-Beerfurth in Richtung Ober-Gersprenz eine Materialrutsche zu errichten. Sie sollte an der Straße von der Hutzwiese herunter, am „Franzosenplatz” ihren Anfang nehmen. Dort sollte der mit Fuhrwerken oder Lastwagen antransportierte Ton aus der Grube abgeladen werden, um ihn über die Rutsche in die Eisenbahnwaggons der Reinheim-Reichelsheimer Eisenbahn zu verladen. Dazu war neben der heutigen Bundesstraße B38/47 ein Ladegleis vorgesehen. Obwohl die Realisierung bereits in Angriff genommen worden war, vollendete man auch diesen Plan nie.

Im Mai 2008 wurde der Tonabbau beendet und die Grube 2012 stillgelegt. Die Gemeinde Reichelsheim, als Eigentümer seit der Verwaltungsreform übernahm den Tagebau von der Firma Trost Terracotta und damit die Aufgabe der Rekultivierung des Areals. Zunächst verfüllte sie die durch den Abbau entstandene Grube mit Fremdmaterial – so auch mit dem Reichelsheimer Bahnhof. Dies war zur Geländemodellierung und aufgrund rutschender Böschungen geboten. Für die weitere Rekultivierungsmaßnahmen erhielt sie am 10. September 2026 vom Dezernat Bergaufsicht der Umweltabteilung Wiesbaden des Regierungspräsidiums Darmstadt einen Bescheid, mit Regelungen für die weiteren Rekultivierungsmaßnahmen.

Zeittafel:

08.10.1882:   Anfrage des Forstamts König bei der Gemeinde zwecks Anlage einer Grube
1898:   Grubendirektor Gustav Heinrich zeigt Interesse. Es kommt kein Pachtvertrag zustande.
24.11.1899:   Leonhard Heist aus Kirch-Beerfurth pachtet die Grube.
24.11.1905:   Vertrag mit der Firma Funk und Sommer
1911-1913:   Pachtvertrag mit Hugo Traub
1914:   Kriegsgerichtsrat Hengstenberg
1916:   „Tonindustrie Vier Stöck“
1926:   Dr. Uerpmann aus Frankfurt, „Gewerkschaft Rote Erde“
1927:   Tonversand durch die Gemeinde Beerfurth
1928:   Pachtvertrag mit Ton- und Klinkerwerk Fritz Vetter
1932:   Der Tonliefervertrag wird dem Tonwerk gekündigt.
1934:   Pachtvertrag mit dem Tonwerksbesitzer Emil Bauer, Beerfurth
1939:   Die Tongrube wird geschlossen.
1948:   Die Tongrube wird an Gerhard Wehrheim aus Bad König verpachtet.
1949:   Der Pachtvertrag mit Wehrheim wird aufgehoben.
1949-1950:   Die Gemeinde Pfaffen-Beerfurth betreibt den Tonabbau in eigener Regie.
1950-1955:   Verpachtung an Peter Rudolf, Hutzwiese
1955:   Die Neuverpachtung wird ausgeschrieben: Peter Rudolf, Philipp Bernhard, Ton- und Klinkerwerk Beerfurth, Georg Seibert VI.
1955:   Die Gemeinde Beerfurth behält die Grube in eigener Regie.
1968:   Adam Göttmann pachtet die Grube. Werner Marquardt übernimmt den Pachtvertrag.
1986:   Werner Marquardt kündigt den Pachtvertrag.
1987:   Erwin Götz, Reichelsheim, ist Pächter der Tongrube.
Mai 2008:   Der Tongrubenabbau auf den Vierstöck wird beendet.
2012:   Stilllegung der Tongrube

 

Literatur:

- „gelurt“ Odenwälder Jahrbuch für Kultur und Geschichte, 2015, S. 152-156
- Gemeindearchiv, PB, Abt. XV, 5f, Konv. 61, Fasz. 6 (Pachtvertrag mit der Firma Gebrüder Vetter)
- Gemeindearchiv, PB, Abt. XV, 5f, Konv. 63, Fasz. 1 (Tonversand der Gemeinde 1927-1937);
  Fasz. 2 (Tonversand der Gemeinde 1955-1967);
  Fasz. 3 (Tonversand der Gemeinde 1967-1968)

 

Verantwortlicher Autor:
[Hieronymus, Ernst]