Umsonstladen
Das Haus Bismarckstraße 25 an der Ecke zur Reichenberger Straße war um die Mitte des 18. Jahrhunderts Sitz einer Strumpfweberfamilie.
1784 tauschte der Besitzer Johannes Dingeldein (genannt Hirschwirth) das Anwesen mit seinem Nachbarn, dem Leinewebermeister Johann Balthasar Weimar aus der Bismarckstraße 23. Ob der Leineweber oder sein gleichnamiger Enkel zu dem Hausnamen Hambalse (= Hann-Balz = Johann Balthasar) führte, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Nachweisbar ist jedoch, dass der Enkel als erster Bäckermeister der Familie Weimar in diesem Haus genannt wird. In dem Brandkataster 1858/1902 wird zuletzt ein zweistöckiges Wohnhaus mit Scheuer, Stall und Backofen erwähnt.

um 1900
Foto: RRO-FAR-1-02-017 RE
Der Enkel Johann Balthasar Weimar wird in den Gewerbetagebüchern 1820/29 auch als Bier- und Branntweinwirt, später als Gastwirt, genannt. Dies bedeutet, dass das Haus auch eine Gaststätte beherbergte. Sie trug zunächst den Namen „Zum Deutschen Kaiser“ und später „Zum Hirsch“.
1925/26 bauten die Besitzer einen Saal an. Er wurde unter anderem auch von den örtlichen Vereinen genutzt. So zum Beispiel ab dem Frühjahr 1947 von den Reichelsheimer Turnern, die dort dienstags abends eine gemeinsame Turnstunde von Männern und Frauen abhielten. Er bildete zugleich das Vereinslokal des Kultur- und Sportvereins (KSV) Reichelsheim.
Im Gasthaus war das erste öffentlich zugängliche Fernsehgerät aufgestellt und ein Anziehungspunkt für die Bevölkerung.

Foto: Wolfgang A. W. Kalberlah
Die Bäckerei mit dem Verkaufsladen an der Hausecke existierte noch bis in die 2010er-Jahre und während die Gaststätte zum Café Weimar umfunktioniert wurde. Danach zog für wenige Jahre das Feinkostgeschäft „El Gusto“ ein und wurde um 2022 von dem Laden „Lieblingsstücke“ des Deutschen Roten Kreuzes für gebrauchte Kleidungsstücke ersetzt. Nachdem dieses im März 2026 in das ehemalige Modegeschäft Erdbrink umgezogen war, zog der Verein „Mittendrin“ mit dem ersten Umsonstladen im Odenwald zum 1. April 2006 ein und eröffnete ihn offiziell am 8. Mai desselben Jahres.
Verantwortlicher Autor:
[Kalberlah, Wolfgang A. W.]
