Michelsmarkt
Der Reichelsheimer Michelsmarkt als modernes und größtes Volksfest im oberen Gersprenztal geht auf eine Entscheidung der gemeindlichen Gremien des Jahres 1949 zurück. Man muss sich in die damalige Zeit zurückversetzen: Das Ende des Zweiten Weltkriegs lag vier Jahre zurück. Die Zeit der großen Entbehrungen war vorbei. Hessen bekam seinen freien Rundfunk. Veranstaltungen wie Fastnacht, Frühjahrsfest, Tanz in den Mai und Kerb wurden begeistert gefeiert. Die Freude zu leben und die Hoffnung auf bessere Zeiten ließen die Menschen wieder zusammenkommen.
Das weitere ist dem Protokoll zum ersten Michelsmarkt zu entnehmen:
„Es war im Juni 1949, als Bürgermeister Nicklas dienstlich beim Landratsamt Erbach zu tun hatte. An jenem Tage begegnete er dem Bürgermeister Ludwig Siefert aus Airlenbach, der dem Vorstande des Starkenburger Fleckviehzüchter-Verbandes angehört. Bei der nun stattgefunden Unterhaltung machte Siefert darauf aufmerksam, daß man von Seiten des Tierzuchtamtes Darmstadt, sowie des Starkenburger Fleckviehzüchterverbandes beabsichtige, im Gersprenztal ebenfalls Tierschauen (Märkte) abzuhalten, wie in Beerfelden, Biebesheim usw. Sie kamen dabei zur Überzeugung, daß Reichelsheim durch seine zentrale Lage, sein starkes landwirtschaftliches Hinterland, und der Tatsache, daß vor nicht allzulanger Zeit solche Märkte mit Prämierungen hier stattfanden, der richtige Ort sei. Außerdem bat Siefert noch berücksichtigen zu wollen, daß gerade in unserer Gegend eine starke Aufwärtsbewegung in der Viehzucht durch Beitritt zum Verband zu verzeichnen sei und die Züchter keinerlei Möglichkeit hätten, ihre Leistungen der Öffentlichkeit zu zeigen. Diese Begebenheit trug Bürgermeister Nicklas in der nächsten Gemeinderatssitzung am 2.6.49 der Gemeindevertretung vor, und alle Vertreter waren der Ansicht, daß es eben möglich sein muß mit Hilfe des Tierzuchtamtes Darmstadt, sowie des Fleckviehverbandes und der Odenwälder Rotviehzüchtervereinigung wieder den alten Viehmarkt wie er noch vor nicht allzulanger Zeit bestand, zum Wohle der Gemeinde aufleben zu lassen.“

Michelsmarkt 1951
Landmaschinenausstellung
der Firma Treusch vor dem
Gebäude Bismarckstraße 43
Foto: Archiv Treusch
Damit war der Grundstein für das jährlich wiederkehrende, landwirtschaftlich geprägte Fest gelegt, das in die Tradition der einst zahlreichen Vieh- und Krammärkte, für die Reichelsheim bekannt war, zum Wohl der Gemeinde treten sollte. Ein Marktausschuss traf dann die Vorbereitungen in Verbindung mit der Gemeindeverwaltung zum ersten Michelsmarkt mit Gewerbeschau, der am 29. September - dem Michaelistag - auch zu einem vollen Erfolg führte und rund um den Rathausplatz stattfand.
Die Wahl des Septembertages war sicherlich kein Zufall, denn er bildete ein Gedenktag an den Erzengel Michael, der besonders in Deutschland als Beschützer der Kirche und der christlichen Völker seit alters verehrt wurde. Auch in den Pfarreien der Grafschaft Erbach beging man den Festtag St. Michaelis. Selbst die Reformation brachte keine Veränderung. So hat der 29. September eine jahrhundertealte Bedeutung als kirchlicher Fest- und Bußtag. Darüber hinaus kam es am 28. und 29. September 1732 im Odenwald und anderen Gebieten nach tagelangen starken Regenfällen zu schweren Überschwemmungen. Auch in Reichelsheim und im gesamten Gersprenztal. Die gräfliche Herrschaft verordnete daraufhin ab 1733 ein „Buß- und Dankfest künftig alljährlich am Michaelisfest“ an. Das Buß- und Dankfest verband sich im Laufe der Zeit auch mit einem Markttag.
Dass man das Fest dann 1956 um zwei Wochen vorverlegte und heute am vierten Wochenende im August feiert, ist unter anderem witterungsbedingt aber auch wegen der Kollision mit anderen Festen zu verstehen.

Festgelände
an der Beerfurther Straße
im Jahr 2025
Foto: Wolfgang A. W. Kalberlah
Neben den Viehauftrieben gab es 1953 ein Preispflügen mit Motorfahrzeugen, Pferden und Kühen sowie ein Kinderroller-Wettrennen.1954 wurde die Gewerbeschau in die neu erbaute Volksschule verlegt. 1955 erweiterte man das Fest durch ein Reit- und Fahrturnier sowie 1957 durch einen volkstümlichen Abend unter Mitwirkung der Landwirtschaftsschule mit Kleiderschau für Alltag und Feierabend. Ab 1962 wandelte sich der seitherige Handelsmarkt zu einem Volksfest. Der Frühschoppen für alle über 65-Jährigen findet seit 1964 statt. 1995 zog die Gewerbeschau in die Reichenberghalle um. Höhepunkt des Michelsmarktes ist der traditionelle Festumzug.
Wie auch so mancher Viehmarkt in früheren Jahrhunderten ausfiel, so erging es auch dem Michelsmarkt, der 1952 wegen der in Frohnhofen ausgebrochenen Maul- und Klauenseuche und 2020 sowie 2021 aufgrund der Corona-Pandemie offiziell abgesagt werden musste, was nun mal in den Vorsichtsmaßnahmen der Verantwortlichen steckt.
Verantwortlicher Autor:
[Kalberlah, Wolfgang A. W.]
